Es gibt viele schöne
Möglichkeiten, einen sonnigen Frühlingsamstag in Berlin zu verbringen. Man kann
durch die belebten Einkaufspassagen der Stadt bummeln, Würstchen grillen,
kleine Kostbarkeiten auf dem Flohmarkt suchen, mit dem Rad ins Grüne fahren oder
auf einer Picknickdecke im Park ausspannen, dabei ein gutes Buch lesen und ein
kühles Radler trinken.
Oder aber man macht’s wie
wir und unternimmt etwas, das das schöne
Wetter am besten ausnutzt – ins dunkle Kino gehen und einen Film ansehen, der von
der permanenten Bedrohung eines Sturms handelt.
Ganz recht, wir haben „Take
Shelter“ geschaut. Der dazugehörige Trailer den wir letzte Woche vor „The
Artist“ gesehen haben, gab Anlass zur Neugierde und da wir eine halbe Stunde
vor der Nachmittagsvorstellung in der Friedrichshainer Sonne saßen und ein
besonders spätes Frühstück genossen, zog
es uns erneut ins lieb gewonnene, nicht weit entfernte Programmkino. Vier
weitere Menschen hatten dieselbe, fantastische Idee.
Zum Film:
Curtis ist treusorgender Familienvater
mit solidem Job. Er, seine Frau und seine kleine, taubstumme Tochter leben irgendwo
in der Beschaulichkeit einer amerikanischen Kleinstadt. Die Dinge laufen gut,
bis Curtis eigenartige, sehr intensive Alpträume heimsuchen. Schweißgebadet erwacht
er aus Visionen, die einen apokalyptischen Sturm am Himmel entstehen lassen
und seine Familie bedrohen.
Daraufhin wird sein Verhalten
zunehmend seltsamer. Er nimmt einen Kredit auf, um den alten Sturmbunker im
Garten auszubauen. Seine Mitmenschen, allen voran seine Frau, sehen ratlos zu.
Geht es Curtis wie einst seiner Mutter, die im selben Alter an paranoider
Schizophrenie erkrankte? Oder handelt es sich um eine reale Bedrohung?
.
Puh. Was für ein Film!
Also gut. An sich passiert
nicht viel nach außen hin. Doch alles, was sich im Kopf des Hauptdarstellers
abspielt, erfährt der Zuschauer dank der meisterhaften schauspielerischen
Leistung und der gekonnt subtilen in Szene Setzung ebenso eindringlich im Kinosessel. Besonders
die Alptraumsequenzen brillieren durch raffinierte, nahezu erdrückende
Darstellungen ohne jegliche Effekthascherei und Überzeichnung. Ich habe mich
während des gesamten Films beunruhigt und gefesselt zugleich gefühlt. Die
Behinderung der Tochter und die zunehmenden Schwierigkeiten des Vaters geben
dem Film außerdem Anlass für eine leise Kritik am amerikanischen
Gesundheitssystem.
Wer einen Wohlfühlfilm sehen
möchte oder Lust auf durchschnittlich bekannte Kinounterhaltung hat, der sei mit „Take
Shelter“ in dem Moment schlecht beraten. Wem jedoch der Sinn nach einem eindrucksvollen,
authentischen Psychodrama steht, das lange nachwirkt, der möge fix eine Kinokarte lösen und sich von
Curtis fesseln lassen.
Am Ende überkam mich ein
mulmiges Gefühl beim Gedanken, das Kino zu verlassen. Ich fragte mich, ob uns
ein strahlender Frühlingshimmel oder ein dunkles, blitzdurchdrungenes
Wolkenaufbäumen erwartet, sobald wir das schützende Kino verlassen.
9/10 Punkten